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Margherita Giacobino Familienbild mit dickem Kind

Empfohlen von Oliver Fründt

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Also, sooo dick ist das Kind gar nicht. Vielleicht ist es einfach nur der Gegensatz zu allen anderen Frauen in der Familie. Vor allem ist es eine großartige Erzählerin geworden!

In ihrem „Familienbild mit dickem Kind“ erzählt Margherita Giacobino die Geschichte ihrer Familie, die hauptsächlich eine Geschichte der Frauen, Mütter, Tanten und Großmütter ist. Giacobino stammt aus dem Piemont, das ist die Gegend um Turin herum. Die Familie bestand zuerst aus Bäuerinnen, die sich unter harten Bedingungen durchschlugen, bevor sie nach und nach in der nächsten Kleinstadt als Näherinnen in der Fabrik zu arbeiten anfingen.

Später wanderten einige der Männer und Frauen der Familie nach Amerika aus und kehrten wieder. Die Großmutter Giacobinos nach einem Schlaganfall, der sie unmittelbar nach der Geburt ihrer Tochter halbseitig gelähmt hatte.

Industrialisierung, die zwei Weltkriege, teils bittere Armut, immer harte Arbeit und der allmählich einziehende kleine Wohlstand prägen das Leben der Familie durch das 20. Jahrhundert hindurch.
Das wird hauptsächlich aus dem Blickwinkel der Frauen erzählt, die zum einen die meiste Arbeit darin erledigen und zum anderen teilweise unverheiratet bleiben oder früh Witwen werden.

Margherita Giacobino rekonstruiert dieses „Familienbild mit dickem Kind“, so gut es geht, aus Erzählungen ihrer Verwandten, alten Fotos, falls möglich aus Internetrecherchen und auch aus ihrer Fantasie, wie die Menschen und Dinge wohl gewesen sein könnten. Dadurch wird es zu einem autobiografischen Roman.

Und ist ein tolles Buch! Ich fand es zuerst ein wenig sperrig zu lesen, hatte mich aber schnell gewöhnt und konnte dann nicht mehr damit aufhören. Viele sympathische Menschen mit ihren Schwierigkeiten und Verschrobenheiten. Viel harte Arbeit, auch harte Umstände, Charaktere und Sturköpfe. Und irgendwo darin immer sehr viel Liebe und Großherzigkeit. Sehr zu empfehlen!

Die Autorin Margherita Giacobino wurde 1952 geboren. Sie ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Regisseurin und lebt in Turin. Das ist die Stadt, in der Italo Calvinos Erzählungen „Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt“ spielen. Und tatsächlich haben mich manche Passagen in „Familienbild mit dickem Kind“ ein bißchen an Szenen aus Calvinos Geschichten erinnert – obwohl das zwei ansonsten sehr verschiedene Bücher sind.

Der Originaltitel lautet übrigens „Ritratto di famiglia con bambina grassa“. Hübsch, nicht wahr?


(September 2016)

Margherita Giacobino / Familienbild mit dickem Kind

aus dem Italienischen von Maja Pflug,
Verlag Antje Kunstmann, 2016

22.00 €