Buchtipps

Molly Antopol Die Unamerikanischen

Empfohlen von Oliver Fründt

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Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,
eines der besten von allen Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, ist von Molly Antopol.


Wenn es in der Welt ein wenig gerecht zuginge, müßte dieses Buch euphorisch bejubelt werden und auf den Bestsellerlisten auftauchen. Denn diese acht Erzählungen von 30 bis 40 Seiten haben es absolut in sich, enthalten jeweils den Kern zu acht Romanen, die man auch daraus hätte machen können.


Und das ist d i e große Kunst! Alice Munro hat dafür den Nobelpreis bekommen. Molly Antopol, 1979 geboren, gelingen auf andere und doch ähnliche Weise solche dichten, spannenden, in sich geschlossenen, am Ende sogar runden (und damit befriedigenden) Geschichten.

Etwa die über den jungen Israeli, der seinem Bruder das Leben rettet und damit zum Helden wird, der er nie sein wollte, und eigentlich die Freundin seines Bruders liebt.
Oder die über die Tochter eines US-Gewerkschafters zur Zeit der McCarthy-Prozesse.
Oder über jüdische Partisanen in den polnischen Wäldern während des zweiten Weltkriegs und was aus ihnen wurde, nachdem sie nach dem Krieg nach Amerika gegangen sind.
Auch die erste Geschichte um eine junge Ehe in älteren Jahren, die schon auf der Hochzeitsreise nach Kiew scheitert, woher die Frau und die Vorfahren des Mannes stammen. Die stille, fast wortlose Verzweiflung ist großartig geschildert.

Und die banale und doch so reale Angst des ehemaligen Prager Dissidenten davor, in dem Theaterstück seiner Tochter niedergemacht zu werden. Die eigenartige, riesenhafte Fremdheit zwischen Vater und Tochter. Das ist großartig, teils sehr komisch, teils beklemmend in Szene gesetzt. Wirklich ganz große Kunst!

Sie sehen schon, diese Erzählungen sind weltumspannend. Sie spielen in den USA, in Israel, der Ukraine, Polen, Russland, Mitteleuropa (letzteres hat schon einen gewissen Schwerpunkt, stimmt) .
Und sie haben ein gemeinsames Thema, irgendeinen roten Faden gibt es da, dem ich nicht ganz auf die Spur gekommen bin.

Aber ich war auch beim zweiten Lesen (im Frühjahr und jetzt wieder) sehr beeindruckt, wie Molly Antopol es schafft, uns Leserinnen und Leser auf so wenigen Seiten so sehr zu fesseln und zu bereichern! (Aber vielleicht muß sie erst den Nobelpreis erhalten, um die angemessene Aufmerksamkeit zu erhalten… – Das werden wir sehen.)


Und, by the way, ich werde nicht müde, Kurzgeschichten und Erzählungen als kleinen Lesehappen zwischendurch zu empfehlen!(Dieses Jahr erscheint übrigens ein neuer Erzählband von Judith Hermann. Das nur in Klammern.)

Mit unamerikanischen Grüßen,
Ihr Oliver Fründt

Molly Antopol / Die Unamerikanischen

Molly Antopol:
Die Unamerikanischen
Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
Verlag Hanser Berlin

19.00 €