Buchtipps

Jean-Philippe Toussaint Nackt

Empfohlen von Oliver Fründt

LOGO

Faszinierend und eigenartig, dieser Roman „Nackt“ von Jean-Philippe Toussaint.
Liest sich wie ein französischer Spielfilm um die seltsame Liebe, vielleicht gescheiterte Liebesbeziehung des namenlosen Ich-Erzählers mit der international erfolgreichen Modedesignerin und Künstlerin Marie.

Zu Beginn läßt sie als krönenden Abschluß einer Modenschau in Tokio ein Model nur mit einer Schicht Honig „bekleidet“ über den Laufsteg schreiten, gefolgt von einem Schwarm Bienen.
Die Sache geht katastrophal daneben, aber auch dieses Ende sieht aus wie ein Teil der Inszenierung.

Die Beziehung ist bereits zuende, und der Erzähler hofft lange auf eine Nachricht seiner Geliebten oder Ex-Geliebten, die er vergöttert und von der er sich, jedenfalls innerlich abhängig gemacht hat.
Auf groteske Art versucht er sie bei einer Vernissage wenigstens durch das Oberlicht des Museums zu sehen…

… bis sie ihn, endlich!, nach Wochen anruft, um ihm, wieder einmal, von einem Todesfall zu berichten. Sie nimmt ihn mit zu der Beerdigung des Verwalters ihres Hauses auf Elba.
Dort ist gerade eine Schokoladenfabrik abgebrannt, und der Sohn des Verwalters wirkt verdächtig.
Und außerdem wollte Marie dem Ich-Erzähler noch etwas anderes mitteilen…

Oui, das klingt alles eigenartig – und ist auf eine faszinierende Art und Weise erzählt. Toussaint macht alles „falsch“, was man nur falsch machen kann. Sein Ich-Erzähler beschreibt nur, es gibt kaum Dialoge, alles wirkt gekünstelt, und doch –

Und doch konnte und wollte ich diesen kleinen Roman nicht mehr weglegen, habe mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, sinniere immer noch, warum manchen Abschnitten und Begebenheiten so viel Raum auf diesen wenigen (150 Seiten) gegeben wird – etwa auf dem Friedhof auf Elba, wo sie die Trauerfeier nicht finden.

Oder warum man dem Ich-Erzähler in seiner Liebesergebenheit folgt, ohne wirklich zu verstehen, was er an dieser Frau so unwiderstehlich findet?

Und warum dieser Roman so einen unwiderstehlichen Charme entfaltet, obwohl so vieles daran zugleich blöd, albern, lächerlich wirkt…

Okay: „Nackt“ ist der letzte Band einer Folge von vier Romanen um diese Marie, vielleicht sieht man manches anders, wenn man die anderen Bände kennt.

Aber auf jeden Fall steht „Nackt“ auch für sich und ist ebenso in sich geschlossen wie in alle Richtungen offen. Tolles (scheinbares) Paradox, nicht wahr?

Aber Toussaint, der als einer der wichtigeren belgischen Schriftsteller französischer Sprache gilt, ist eben eine Art Geschichtenzauberer und großer Erzählkünstler.

Muß so sein.

Anders kann ich mir das nicht erklären.


(Oktober 2014)


Jean-Philippe Toussaint / Nackt

Frankfurter Verlagsanstalt
Aus dem Französischen von Joachim Unseld
2014

19.90 €