Buchtipps

Judith Hermann Aller Liebe Anfang

Empfohlen von Oliver Fründt

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Eines der richtig guten Bücher dieses Jahrgangs ist der erste Roman von Judith Hermann „Aller Liebe Anfang“.
Der wird in Besprechungen kontrovers diskutiert. In der FAZ etwa stand ein brillanter Verriss, der mit den Worten begann, Judith Hermann könne nicht schreiben und sie habe nichts zu sagen. Beides ist Quatsch.

„Aller Liebe Anfang“ erzählt die Geschichte einer Frau, Stella, in einer Wohnsiedlung am Rande irgendeiner Stadt. Sie kümmert sich um ihre kleine Tochter, arbeitet als Krankenpflegerin und wartet eigentlich immerzu auf ihren Mann, der als Fliesenleger oder Bauarbeiter ständig für Tage oder länger unterwegs ist.

Und sie wartet darauf, daß etwas geschieht.

Ein Mann aus der Nachbarschaft klingelt bei ihr, er will mit ihr sprechen, sie lehnt das ab. Und wenn ihr Mann nicht da ist, klingelt er fortan wieder und wieder und wirft ihr Briefe, Mitteilungen und verrückte kleine Geschenke in den Briefkasten.
Ein Stalker. Der nervt. Sehr sogar. Zugleich beschäftigt Stella sich in Gedanken nicht nur ablehnend mit ihm. Sie versucht, sein Verhalten zu verstehen. Sie stellt ihn sich vor, und seine Beweggründe. Sie geht erst zur Polizei, als er selbst ihr dazu rät.

Da wird subtil Spannung aufgebaut. Vor allem finde ich das Ambivalente an dieser Situation zwischen den Zeilen, das heikle. Nämlich auch ein innerliches Entgegenkommen Stellas.
Das ist ganz fein gezeichnet und in einer ganz feinen Sprache fast nicht erzählt. Genau in diesem fast-nicht liegt die eigenartige Faszination dieses Romans.

Und wissen Sie, wo noch? In den wundervollen Nebenfiguren. Stellas Patienten oder Pflegefälle: sehr eigene Persönlichkeiten mit ihren teils verrückten, teils weisen (und manchmal ist das ja das gleiche…) Ansichten. Die Frau, die die Pflegeeinheiten organisiert. Meine Lieblingsfigur: der Fahrradmechaniker und Nachbar des Stalkers, der Stella ganz nebenbei und gelassen ein paar schlaue Sätze vorsetzt.

Also, ich finde „Aller Liebe Anfang“ ist ein starkes Buch, sehr schön zu lesen. Ein Kammerspiel. Man kann Hermanns Sprache mögen, oder auch nicht. Es könnte sein, daß der Roman nicht ihre Form ist, zu lang vielleicht. (Aber eigentlich gilt das für die meisten Romane.) Die Lektüre lohnt sich ganz unbedingt!

(Oliver Fründt, September 2014)

Judith Hermann / Aller Liebe Anfang

S.Fischer Verlag

19.99 €