Buchtipps

Stefanie Zweig Das Haus in der Rothschildallee

Empfohlen von Oliver Fründt

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Jetzt auch als Taschenbuch erhältlich!

In „Das Haus in der Rothschildallee“ erzählt Stefanie Zweig die Geschichte der Familie des Tuchhändlers Johann Isidor Sternberg und seiner Frau Betsy von 1900 bis in den ersten Weltkrieg hinein.
In diesen Krieg setzten ja viele Menschen große Hoffnungen. Die deutschen Juden etwa hofften, sich durch ihren Einsatz darin, endgültig assimilieren zu können. So auch Johann Isidor Sternberg. Leider vergebens…
Neben diesen Dingen spielt das Leben sich ab, wie es eben so geht: Kinder werden geboren und wachsen heran, Ziele werden gesetzt, erreicht oder verfehlt, Menschen lieben sich und werden enttäuscht, betrogen und wieder geliebt. Oder sterben zu früh und lassen ihre Träume oder ihre Kinder im Leben zurück.

Es gibt mehrere Gründe, für „Das Haus in der Rothschildallee“ zu schwärmen. Am meisten liebe ich die vielen kleinen Details aus der Zeit: wie sich zum Beispiel die Namen der Cigarettenmarken änderten als das Bürgertum mit Ausbruch des Weltkriegs aufhörte sich kosmopolitisch zu geben und, plötzlich patriotisch gestimmt, nur noch deutsch benamste Zigaretten rauchen wollte (nur ein Beispiel!).

Auch sonst sind sympathisch viele Einzelheiten beschrieben. So kommen wohl in kaum einem Buch so viele Blumen vor, die das Familienleben illustrieren.

Zum Familienleben gehört, daß die Frauen dem Leben praktisch zugewandt bleiben, während die Männer für ihre fixen Ideen in den Krieg ziehen. Das wird sich wohl nie ändern, und Stefanie Zweig erzählt so humorvoll und warmherzig davon, daß es eine wahre Freude ist.

Klar, und hübsch ist es natürlich auch, wenn man die Gegend kennt, in der „Das Haus in der Rothschildallee“ steht und eigentlich heute noch alles mögliche wiederfinden kann, das dort beschrieben wird.

Dieses Buch ist sicher kein Meisterwerk hoher Literatur, aber ein sehr schöner, lebenskluger und lebendiger Roman. Ein tolles Buch!

Hier noch ein paar Zitate, die ich bemerkenswert fand. Erstaunlicherweise betreffen sie alle das Eheleben. Aber sei‘s drum:

„Als ihre Erinnerungen den Apfelbaum in Pforzheim und die ausgebreiteten Arme des Vaters erreichten, lächelte sie. Ihr Mann sah es und zwinkerte ihr zu. Er hatte das Bedürfnis, seine Frau wissen zu lassen, dass auch er soeben an die vergangene Nacht gedacht hatte.“ (S. 89)

„Ihr Frauen“, sagte Johann Isidor, „habt‘s gut. Seht immer nur das eigene kleine Stückchen Leben und nie das große Ganze.“
„Vielleicht besteht die Welt überhaupt nur deswegen noch.“ (S. 120)

„Im alles entscheidenden Augenblick kam Betsy jedoch die trotzige Klugheit zu Hilfe, die es seit Anbeginn der Menschheit den Frauen möglich macht, mit dem Wissen zu leben, dass Männer fehlbar sind und ihre Fleischeslust größer ist als ihr moralisches Empfinden. Mit einem Gefühl von Triumph, das sie zugleich belebte und stark machte, begriff Betsy, dass sie ihren Johann Isidor, diesen vorbildlichen Ehemann und treu sorgenden Familienvater, nie nach einer Person namens Fritzi fragen würde.“ (S. 157)

„Betsy (…) kam sich vor wie eine Schauspielerin in einer der hübschen modernen Komödien, die sie so gerne sah und die Johann Isidor fürchterlich fand. In diesen Lustspielen waren es immer die Frauen, die alle Trümpfe in der Hand hielten und die für das gute Ende sorgten. Anders als im Leben, standen die Männer zum Schluss wie begossene Pudel da, doch - auch dies anders als in der Wirklichkeit - lachten sie über sich selbst.“ (S. 167)

„Sie schaute ihn an, als hätte sie ihn etwas gefragt und er zu antworten vergessen, ein uralter, ziemlich übler Trick. Wahrscheinlich hatte ihn Sara schon an Abraham ausprobiert.“ (S. 169)

„Sie beendeten den Krieg, noch ehe sie den Bogen spannten, denn sie waren zwanzig Jahre verheiratet und wussten, dass es in Eheschlachten niemals Sieger gibt, nur Besiegte. Danach bewiesen sie den Takt und das diplomatische Geschick, die Mann und Frau fester zusammenschweißen als die zwei goldenen Ringe und die Treueschwüre am Hochzeitstag.“ (S. 224)


Stefanie Zweig: Das Haus in der Rothschildallee
München: LangenMüller 2007

Stefanie Zweig / Das Haus in der Rothschildallee

LangenMüller

19.90 €