Buchtipps

Gunnar Hinck Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre

Empfohlen von Wolfgang Grätz

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Vergriffen, evtl. antiquarisch erhältlich

Gunnar Hinck erforscht in seinem Buch erfrischend unvoreingenommen die linke Nach-68er-Szene in der Bundesrepublik. Dabei kommt er zu aufregenden, nicht unumstrittenen Schlussfolgerungen, die bereits kontrovers diskutiert werden.

In meiner Generation der in den Mittfünfzigerjahren Geborenen gibt es ja kaum jemanden, der – vor allem auch durch die Empörung über die amerikanischen Gräueltaten in Indochina – nicht in Kontakt mit den aus dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) hervorgegangenen oder ihm nachgefolgten Organisationen der Linken gekommen wäre.

Gunnar Hinck, 1973 geborener Politologe und Publizist, hat nach dreijähriger Recherche dieses Jahr ein Buch vorgelegt, in dem er vor allem auch der spannenden Frage nachgeht: Warum "ausgerechnet diejenigen, die als Antiautoritäre die Gesellschaft verändern wollten, sich kommunistische Führer als Vorbilder suchten, für die das Attribut autoritär eine höfliche Untertreibung wäre“.

Mir persönlich ging es schon im Gemeinschaftskundeunterricht so, dass ich mich als moralisch empörter, aber in Sachen Geschichtskenntnis nicht sehr sattelfester 17-jähriger vom Fachlehrer in eine Verteidigung Stalins manövrieren ließ, die ich weder leisten konnte noch eigentlich wollte.
Von da ging es leider bis zum organisierten Applaus für einen schmierigen Vertreter der kambodschanischen Khmer Rouge, deren Massenmorde bzw. die Berichterstattung über diese wir nicht anders denn als "Hetze der bürgerlichen Presse" begreifen konnten. Das beschämt mich bis heute.

Und ich hatte auch lange keine Antwort auf die oben gestellte Frage – empfand später die Zeit, bis ich mit 23 Jahren aus dem KBW austrat, als unverhältnismäßig lang. Erklären konnte ich mir diese lange Zeit nicht…

Bis ich jetzt auf das Buch von Hinck traf, der die Protagonisten und damaligen Führungsfiguren der Linken einer biografischen Untersuchung unterzieht und vielen von ihnen gravierende familiäre Brüche attestiert.
Der Satz, dass die Söhne (es geht tatsächlich fast ausschließlich um Männer) versuchten, Gerechtigkeit für oder anstelle ihrer Väter herzustellen, seien diese nun Nazi-Opfer, Vertriebene oder in einzelnen Fällen gar Täter, war mir jedenfalls sehr plausibel.
Dass mit dieser Methode nicht alle Facetten dieser komplexen Bewegung beschrieben werden können, wie Kritiker Hinck vorwerfen, mag ja sein. Aber der biografische Ansatz überzeugt schon, weil er durch Hincks Faktenreichtum große Plausibilität erlangt und jedenfalls das Verhalten vieler Protagonisten erklärbar macht.

Das Buch, bei dem ich immer wieder Hincks Belesenheit des Nachgeborenen bewundert habe (ich selbst habe zu Zeiten die mir stinklangweiligen Theorieartikel gemieden wie der Teufel das Weihwasser), ist trotz seiner 464 Seiten flott lesbar, natürlich beflügelt vom human interest, garniert mit so verwunderlichen Informationen wie der, dass das publizistische Flagschiff des Springerkonzerns, DIE WELT, heute von einem seinerzeit glühenden RAF-Verehrer aus Frankfurt herausgegeben wird, oder dass Joschka Fischers Villa im Grunewald nur 200 m von der des SS-Mörders Heydrich entfernt liegt.
Man kann darüber streiten, ob eine solche Information nur polemisch ist, mich persönlich gruselt's bei so wenig Berührungsangst.

Hinck bettet seine Untersuchung in einen Abriss der Geschichte des SDS und der antiautoritären Bewegung ein und räumt nebenbei z.B. mit der schönen Fama auf, dass den 68-ern die sexuelle Befreiung zu verdanken wäre. Diese, das belegt Hinck durch Fakten, hat die seinerzeit schon 60-jährige brave SPD-Gesundheitsministerin Käthe Strobel strukturell und inhaltlich eingeleitet…

Das Buch ist informativ, anregend, unterhaltsam und umstritten. Ich bin der Meinung, dass es gerade hier in Frankfurt öffentlich zur Diskussion stehen sollte. Hat man erst einmal angefangen, lässt es einen politisch interessierten Menschen sowieso nicht mehr los.

Gunnar Hinck: "Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre", Rotbuch Verlag, Berlin 2012, 464 Seiten

Möglicherweise noch antiquarisch erhältlich!

Gunnar Hinck / Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre

Rotbuch Verlag

19.95 €

Vergriffen