Buchtipps

Paul Grote Ein Riesling zum Abschied.

Empfohlen von Wolfgang Grätz

LOGO

Keine Empfehlung, sondern eine dringende Lese-Warnung an alle Rieslingfreunde!!!

Man kennt viele Orte der Handlung im Rheingau und in der Pfalz, man liebt den Trank, der das ganze Buch zusammenhält und mit dem schon im Titel gewunken wird. Man erwartet also spannende Unterhaltung in quasi doppelt heimischer Atmosphäre. Stattdessen beginnt der Ärger schon auf den ersten Seiten, wenn der eben noch als Untersuchungsrichter Firmierende fortan als Staatsanwalt agiert oder die alte Dame auf dem französischen Weingut sich versehentlich mit dem Namen ihres ersten Mannes vorstellt, ein wichtiges Indiz für verborgene Verbindungen, ein paar Seiten weiter aber dieser als ihr Mädchenname bezeichnet wird, mit dem diese Verbindung nicht entdeckbar gewesen wäre.

Das steigert sich dann zu genauso schludrig gezeichneten und unplausiblen Szenen, in denen z.B. die als Laienermittlerin tätige (warum eigentlich?) Umweltdozentin bei einem Mordanschlag in ihrem Auto sitzend von einem Lieferwagen in den Rhein geschoben wird, aus dem unter Wasser auszusteigen für sie als geübte Surferin ein Klacks ist, das Mörderfahrzeug jedoch, dessen Gaspedal angeblich mit einem Stein beschwert ist, wie von Zauberhand am Flussesrand verharrt. Die gleiche Superfrau erinnert sich bei einem der Zufälle, wie man sie sonst nur von Karl May kennt, vor langer Zeit das ihr persönlich unbekannte junge weibliche Mordopfer in Begleitung eines älteren Mannes aus einem Haus kommen gesehen zu haben, erinnert sich jedoch nicht, wer der Mann war. Nun, später ergibt sich, es war ein ihr wohlbekannter Professorenkollegen aus der Fachhochschule Geisenheim.

Man könnte leider diese Aufzählung endlos fortsetzen und fragt sich verblüfft, wieso vor allem angesichts der eingangs erwähnten sichtlichen Schludrigkeiten DTV es bis zur mir vorliegenden 4. Auflage des Buches nicht vermocht hat, diese auszumerzen. Betrachtet man dort die Regionalkrimi-Leser als so blöd, dass ihnen eine unplausibel eingestreute Szene am Weinprobierstand Eltville (an dem man mitnichten Weine verschiedener Eltviller Winzer gegeneinandertrinken kann, weil immer nur ein Weingut pro Woche seine Produkte ausschenkt) als gravierende Schwächen vernebelnde Droge reicht? Das ist leider bei Verlagen in diesem Genre inzwischen sehr häufig so, schon fast ein Grund, Regionalkrimis an sich zu meiden.

Die Hauptfiguren des Buches haben kein Fleisch, der junge Weinbaustudent, dessen Freund – da lässt das Buch von Anfang an keinen Zweifel zu, damit die Guten auch immer die Guten sind – zu Unrecht des Mordes bezichtigt wird, ist ein echter Supermann, der es locker mit der ganzen Welt aufnimmt und gern schon mal gleich 3 Ganoven auf einmal mit chinesischer Kampftechnik in Klump haut, daneben aber auch eine Superzunge beim Verkosten edelster Weine hat und neben dem intensiven Studium ein ökologisch und energetisch korrektes Weingut aufbaut.

Sowieso, die politische Korrektheit kommt nicht als Nachtigall getrapst, sondern als Rhinozeros dahergetrampelt und an keinem billigen Klischee vorbei: Der Vater des zu Unrecht Verdächtigten ist ein brutaler Manager, der Sohn ein zerbrechlicher, wehrloser Feingeist, der ein Klavierkonzert – natürlich – bei den Rheingau Musikfestspielen gibt. Die blendend schöne polnische Speditionskauffrau, die nur zufällig, aber glücklicherweise in der berüchtigten Spelunke in Frankfurt ist und dort unseren Superhelden retten hilft, ist weder an Umsatzsteuerbetrug noch an Autodiebstählen beteiligt, wie sie sofort zu Protokoll gibt, die slowakischen Mädchen dort hingegen "zieren sich nicht so".

An Peinlichkeit übertroffen wird die allgegenwärtige Moralüberheblichkeit nur von der völlig mechanisch eingeflickten Hörsaalgelehrsamkeit über den Riesling, die nicht mit der Handlung verwoben ist. Auch wenn der eigentliche Handlungsstrang gerade auf ein Zwischenziel zustrebt, werden seitenlange Abhandlungen über Bodenbeschaffenheiten usw., mutmaßlich Original-Seminarpapiere der Fachhochschule Geisenheim, 1 : 1 in den Text geklatscht, mit zahllosen Fachtermini gespickt, die der Leser garantiert nicht versteht. Ein Schicksal, das er vermutlich mit dem Autor teilt. Denn dieser durchpflügt ja alle Weinbaugebiete dieser Welt in seinen Büchern, ein Regional- und Rebenkrimi-Nomade, der – na, wo wohl? natürlich – in Berlin lebt, aber vor dem Riesling schon den Rioja, den Heurigen, den Port und natürlich den Champagner 'bearbeitet' hat.

Verweise auf Handlungen dieser früheren Bücher finden sich auch hier zuhauf, ähnlich wie die Rieslingweisheiten jedoch ohne jedweden Zusammenhang zur aktuellen Handlung und offenbar nur dazu gedacht, den Erstleser des Autors auf weitere lieferbare Produkte desselben zu stoßen. Gibt es eigentlich schon den Begriff des industriellen Schreibens?

Last but not least, das Letzte, wirklich Allerletzte ist die Danksagung des Autors an seine Informationslieferanten. Hätte ich sie doch zuerst gelesen, in ihrer selbstherrlichen Bräsigkeit und sprachlichen Unbeholfenheit ("Am Fachbereich Geisenheim" – nein, Geisenheim ist der Standort, der Fachbereich die Önologie – "stimmte einfach alles, die Herren L. und S. öffneten mir die Türen der Hörsäle und Labors (!), und die angehenden Önolog/innen bildeten den Rahmen (???). Sogar die Küche stimmte…."), ich hätte das Buch gar nicht erst anfangen sollen zu lesen.

Paul Grote / Ein Riesling zum Abschied.

dtv

9.95 €