Buchtipps

Wilhelm Genazino Mittelmäßiges Heimweh

Empfohlen von Oliver Fründt

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Nur noch als Taschenbuch erhältlich

Zufällig lag der neue Roman von Wilhelm Genazino neulich neben einem Buch mit dem Untertitel „Über die Zurichtung des Menschen im Büro“. Da fiel mir auf, daß es in „Mittelmäßiges Heimweh“ auch darum geht: die Zurichtung des Menschen in Büros, in Großstädten, in der heutigen Welt mit ihren Zumutungen und Brutalitäten, die durch die verbissene allgemeine Geistlosigkeit ständig potenziert werden.

Genau genommen ist dies das Thema in allen Büchern Genazinos. Diesesmal ist der Ich-Erzähler ein Buchhalter, dessen Privatleben den Bach heruntergeht, während er beruflich aus Versehen aufsteigt. Beides hatte er nicht beabsichtigt. Und in beidem, insbesondere im zufälligen Zusammentreffen liegt nichts als Traurigkeit, die abzuschütteln er nicht in der Lage ist.

Dieter Rotmunds Frau besteht darauf, mit der gemeinsamen Tochter im Schwarzwald zu wohnen. Sie kann ihren Mann nicht mehr ertragen. Er hat nun zwei Haushalte zu finanzieren, zieht selber in ein billigeres Appartement, verliebt sich ein bißchen in eine Kollegin und schläft mit seiner Vormieterin, die mit seiner Erlaubnis einige ihrer Sachen in seinem Keller gelasssen hat.
Zufällig gelingt ihm ein buchhalterischer Coup, durch den er befördert wird. Aber besser wird dadurch nichts, nur sein Büro ist danach bequemer. Diese Bequemlichkeit nimmt er gern an, aber eigentlich wundert er sich nur darüber, wie über alles andere auch.

Zum Beispiel darüber, daß ihm ein Ohr (und später ein Zeh) abfällt. Das ist der spektakuläre Teil des Buches. Aber es wäre kein Buch von Genazino, wenn das Abhandenkommen von Körperteilen wirklich als Sensation abgehandelt werden würde. Es verliert sich im Text ebenso wie die Menschen sich in der modernen Welt mit all ihren letztlich inhumanen Gegebenheiten verlieren. Aber es ist kein Kraut dagegen gewachsen. Zitat: „Das Wort Reizüberflutung erinnert mich an gutmütig pädagogische, heute lächerlich gewordene Debatten, die wir vor ungefähr zehn Jahren geführt haben. Damals glaubten wir noch, uns gegen Fremdsteuerung, Medienübermacht und so weiter wehren zu können, guter Gott!“ (S. 102)
Heute scheint festzustehen, daß der Mensch einfach nicht in die Welt paßt, wie sie sich jetzt gebärdet.

Wie immer ist auch der neue Genazino aus etlichen wundervollen Beobachtungen des alltäglichen Lebens zusammengesetzt, die er in tolle Sätze zu bringen versteht:
„Das gewöhnliche Unglück tritt ein, wenn ein Mann und eine Maschine zueinanderfinden. Mann + Motor = Lärm.“ (S. 119)
„Radfahrern, die zu knapp und von hinten an mir vorbeifahren, möchte ich am liebsten hinterherpöbeln, aber dann tröstet mich der trockene Schreck im Gesicht der Leute, die aus einer Bank kommen und gerade ihren Kontostand gesehen haben.“ (S. 99)

Das mögen banale Sachen und Beobachtungen sein, aber aus genau solchen Banalitäten setzt sich das Leben doch zusammen. Und ständig kommt man mit diesen Banalitäten nicht zurecht, man verzweifelt ein bißchen, weil man sich unfähig fühlt, und genau das ist man ja auch. Aber manchmal kann Literatur einen trösten, indem sie die passenden Worte dafür findet. Und darum sind Genazinos Bücher immer wieder so gut (und tröstlich). Denn: „Die ruhige Betrachtung unfähiger Menschen bringt Versöhnung hervor.“ (S. 41)

Bei aller Traurigkeit und Melancholie und bei allem Heimweh (wonach überhaupt?) finde ich Wilhelm Genzinos „Mittelmäßiges Heimweh“ wieder ein herrlich amüsantes und schönes Buch.
Nebenbei gesagt, ich finde es irgendwie schwierig, seine Bücher im Sinne von „Lesen Sie das unbedingt, das muß man gelesen haben!“ zu empfehlen. Es paßt nicht zu diesem feinen Autor. Man muß selbst darauf kommen. Und vielleicht mag man es dann, oder man kann nichts damit anfangen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.


Die abgebildete Büchergilde-Ausgabe ist vergriffen
dtv Verlag, Taschenbuch, Euro 8,90

Wilhelm Genazino / Mittelmäßiges Heimweh

dtv Verlag, Taschenbuch, Euro 8,90

8.90 €