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Sybille Bedford Treibsand. Erinnerungen einer Europäerin

Empfohlen von Oliver Fründt

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Vergriffen, evtl. antiquarisch erhältlich

Diese große Autorin erzählt so originell und eigensinnig von ihrem Leben und den Menschen, die es geprägt haben, daß es von Anfang bis Ende eine Freude ist.
Sie geht dabei assoziativ vor und springt durch das ganze 20. Jahrhundert, wie es ihr gerade in den Sinn kommt. „Ich werde in der Mitte anfangen und hoffe, von dort aus fortzufahren.“ So beginnt ihr Buch.
Dann erzählt sie einen Tag aus der Mitte ihres Lebens, den sie besonders intensiv erlebt hat, und bewegt sich von dort tatsächlich nicht in konzentrischen Kreisen, eher wie in Jahresringen eines knorrigen Baumes durch ihre Erinnerungen.

Sie erzählt aus ihrer unkonventionellen Kindheit auf einem badischen Schloß (ihre Eltern waren irgendwie deutscher Adel, und sie selber hat kaum eine nennenswerte Schulbildung erhalten) und von etlichen Reisen und Aufenthalten in Italien, Frankreich und England.
Von ihren Begegnungen mit deutschen Exilanten und Asylsuchenden, mit Schriftstellern, Künstlern und anderen.
Sie war mit Aldous Huxley und seiner Frau befreundet, mit den Kindern von Thomas Mann und allen möglichen anderen, die Rang und Namen haben.

Besonders stark ist sie darin, Menschen mit wenigen Worten zu charakterisieren und dabei ohne Rücksicht auf Verluste vorzugehen. Das heißt, Menschen, die sie bewundert, werden nicht ohne ihre Schattenseiten, Menschen, die ihr grundunsympathisch sind, nicht ohne einen gewissen Respekt geschildert.
„Treibsand“ nimmt oft die Atmosphäre schrulliger englischer Gesellschaftsromane an, liest sich manchmal wie ein Who is Who des Exils und ist von etlichen wunderbar lebensklugen Überlegungen durchsetzt.
Da möchte man auf fast jeder Seite etwas anstreichen, sich herausschreiben und für immer merken.
Mein Exemplar ist voller Eselsohren… Auch auf die Gefahr hin, daß das hier ein bißchen lang wird, möchte ich Ihnen ein Bespiel zitieren:
„Überlebende bezahlen mit Schuldgefühlen. Manche ein Leben lang. Wer leicht davonkam, hat vielleicht zu wenig bezahlt (weil es nie ein „genug“ gibt?). Ich glaube, ich bin einer von diesen Menschen.“ Steht auf Seite 160.

Und wenn man dann noch bedenkt, daß sie ihre Erinnerungen mit über 90 geschrieben hat…! Ihr Buch endet mit den Worten: „Wie gerne würde ich davon erzählen… Aber, wie gesagt, es bleibt wohl keine Zeit mehr.“
Sybille Bedford ist am 17. Februar 2006 gestorben.
Geboren wurde sie übrigens 1911. Bei der Büchergilde ist von ihren Romanen „Ein Liebling der Götter“ erschienen.

Vor lauter Begeisterung bin ich eigentlich sprachlos. Ich empfehle „Treibsand“ nachdrücklich.
Zum Selberlesen, um von einer lebensklugen Frau zu lernen, wie man das Leben, sich selbst und seine Mitmenschen auch sehen kann.
Und zum Verschenken: Schenken Sie es Ihrer Lieblingstante, Menschen, die Sie wegen deren Klugheit bewundern, Menschen, die Sie bewundern möchten, und überhaupt allen, von denen sie intellektuell und menschlich etwas halten!

Sybille Bedford / Treibsand. Erinnerungen einer Europäerin

SchirmerGraf

22.80 €

Vergriffen