Buchtipps

Hanya Yanagihara Ein wenig Leben

Empfohlen von Lisa Schwachoffer

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„Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifelt sein durfte.“

„Ein wenig Leben“ beginnt mit der Suche nach einer neuen Wohnung für Jude und Willem. Ihre Freunde JB und Malcolm helfen ihnen dabei. Diese vier kennen sich seit dem College und sind nach ihrem Abschluss zusammen nach New York gezogen. Jude findet einen Job als Anwalt, Willem ist Schauspieler und sucht nach der großen Rolle, Malcolm arbeitet in einem Architektenbüro und JB versucht sich und seine Arbeit als Künstler zu etablieren.

Jeder hat seinen Job, sein Leben und seine Probleme. Doch nach und nach kommt die Vergangenheit vom stillen zurückhaltenden Jude ans Licht, und alle versuchen, damit umzugehen. Auch und vor allem Jude selbst, der, geprägt von Gewalt und Unrecht, jeden Tag aufs Neue damit zu kämpfen hat.

Als Leser folgt man den jungen Männern (alle anfangs in ihren 20ern) die nächsten 30 Jahre. Man erlebt, wie sie sich weiterentwickeln, stagnieren oder sterben. Allen voran steht Jude und sein Leben – das, bevor er seine Freunde kennenlernte, als auch das danach. Und manchmal findet man sich als Leser dem zerbrechlichen Mann mit seiner furchteinflößenden Vergangenheit allein gegenüber.


Das englische Original endet nach mehr als 700 Seiten, während die deutsche Übersetzung fast 1000 Seiten umfasst, auf denen zugegeben nicht immer besonders viel passiert. Dennoch muss ich sagen, dass große Teile sehr schnell gelesen waren. Vor allem Judes Erinnerungen an seine Vergangenheit sind gleichzeitig so schrecklich als auch spannend, dass man in die Geschichte hineingezogen wird.

In Interviews sagt die Autorin Hanya Yanagihara, dass das Buch die Dinge übertrieben darstellt, was man auf jeden Fall während des Lesens im Kopf behalten sollte. Die Erlebnisse der fiktiven Figuren könnten auch im echten Leben passieren, aber vieles ist dann doch (zum Glück) unwahrscheinlich.

Um nicht jeden potenziellen Leser abzuschrecken: es passieren auch gute Dinge! Die Freundschaft der vier erfolgreichen Männer, macht Spaß und sorgt mit den unterschiedlichen Charakteren für gute Unterhaltung und abwechslungsreiche Gespräche. Darüber hinaus hat die Autorin auch viele sehr interessante Nebenfiguren geschaffen, die nicht nur ausschmücken, sondern die Geschichte ebenfalls vorantreiben.

„Ein wenig Leben“ hat mich in jedem Sinne nachhaltig geprägt. Wahrscheinlich sowohl im guten als auch im schlechten Sinne. Aber so verläuft das Leben letztendlich. Es passieren nicht nur gute Dinge und schlechte Erlebnisse können überwiegen. Was wir damit machen, ob wir uns davon erholen, liegt in unseren Händen.

Hanya Yanagihara / Ein wenig Leben

aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner
Büchergilde Gutenberg
(oder C.Hanser Verlag, Euro 28,00)

25.00 €