Buchtipps

Silvia Bovenschen Sarahs Gesetz

Empfohlen von Wolfgang Grätz

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„Du rettest die Sehnsucht, die seit alters mit
all dem verbunden war.“

Silvia Bovenschen ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, als sie mit ihrem Buch „Älterwerden“ den Nerv vieler Menschen traf, was die persönlichen und gesellschaftlichen Begleiterscheinungen des Älterwerdens betrifft. In Frankfurt ist Bovenschen darüber hinaus bekannt als kluge und charismatische Intellektuelle und frühere Dozentin der Germanistik. Das ist ein Buch über eine feministische Avantgardistin, die viel zur Anerkennung der Kunst von Frauen in der BRD beigetragen hat, ohne dass sie selbst dadurch groß Furore gemacht hätte (was die meisten Männern wohl in vergleichbarer Situation für sich bewirkt hätten). Es ist ein
Buch über einen ungewöhnlichen Lebensweg in Italien, England und Deutschland. Es ist ein Buch über bekannte Intellektuelle, über Kunst, über Malerei heute, und es ist vor allem ein Buch über eine außergewöhnlich schöne Liebesbeziehung. Last but not least ist es ein Buch über Silvia Bovenschen.

Die beschreibt in Miniaturen, ähnlich wie in „Älterwerden“, schlaglichtartig Lebensstationen beider Frauen, Alltagsgewohnheiten („Keine Untertassen!“), Gefühle und Konflikte. Niemals ausschweifend, niemals indiskret, und doch entsteht das sehr intime Bild eines Einverstanden Seins miteinander in der großen Unterschiedlichkeit, wie sie zwei solch ausgeprägte Persönlichkeiten zwangsläufig in eine Beziehung einbringen. Es ist das Bild eines gelungenen Lebens in permanenter Unsicherheit und Bedrohtheit, nicht nur, weil Silvia Bovenschen seit 45 Jahren unter dem Damoklesschwert einer Multiple-Sklerose-Erkrankung lebt. Diese verhindert auch soziale Sicherheit, denn Kranke bestallt der deutsche Staat nicht, auch nicht an der Hochschule.

Dieses Buch ist ein berührendes Dokument vom respekt- wie liebevollen Umgang von Menschen miteinander, der schroffe Töne nicht ausschließt. Es hat ein verstörendes Resümee nach Zweidrittel des Buches. Dem folgen im letzten Drittel Texte, die Silvia Bovenschen über die Malerei der Sarah Schumann geschrieben oder auf Vernissagen gesprochen hat, und ein Text über sie selbst, den ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung anlässlich ihrer Aufnahme in diese abtrotzte.

Dieses Buch muss man lesen! Es hat so viel Wärme und macht vor allem durch seine Form der lose nebeneinanderstehenden Kurztexte neugierig auf jede neue Ecke, um die man gucken darf. Sie können dieses Buch jedem, der eine Seele hat, bedenkenlos schenken! Er/sie wird es Ihnen nach dem Lesen danken. Und wenn Sie Silvia Bovenschens Buch „Älterwerden“ noch nicht gelesen haben, haben Sie Glück, denn dann haben Sie noch ein weiteres schönes Buch vor sich.

Silvia Bovenschen / Sarahs Gesetz

Silvia Bovenschen – Sarahs Gesetz. 256 S., fest gebunden, Schutzumschlag.
EUR 19,99

19.99 €

Silvia Bovenschen Wer weiß was

Empfohlen von Wolfgang Grätz

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„Wer Weiß Was. Eine deutliche Mordgeschichte“ macht schon durch den Untertitel deutlich, dass wir es hier mit einer Art Kriminalroman zu tun haben. Alles beginnt auch ganz ordentlich: ein Literaturprofessor wird am Arbeitsplatz Uni tot aufgefunden, ein Messer steckt im Rücken, der Kerl war ein Ekel, also hatten viele ein Motiv.

Und jetzt webt Bovenschen ein dichtes Netz teilnahmsvoll, aber auch ironisch gezeichneter Figuren aus dem Milieu der Literaturwissenschaft, dem sie ja selbst angehört, in deren intellektuellem Bemühen, alles, aber auch alles ganz, ganz richtig zu machen, ich mich auch selbst – durchaus liebevoll - karikiert gesehen habe.

Zum Genuss dieser sehr nah am gegenwärtigen Zeitgeist beobachteten Charaktere kommt der an Bovenschens einfacher, klarer und genauer Sprache und der schon aus „Älter werden“ bekannte Umgang mit uns alltäglichen Wörtern und Redewendungen, die plötzlich neu auf ihren Klang, ihren Inhalt, ihre Herkunft abgeklopft werden und das Lustpotential aufmerksamen Umgangs mit unserer Sprache deutlich machen.

Das Buch ist so prall voller ungewöhnlicher Formen, Anspielungen auf triviale Strukturen des Genres, Einblicke in das Handwerk des Schreibens, dass das Lesen eine vielschichtige Freude und Bereicherung ist – was will man auch von einer Autorin anderes erwarten, die von Elke Heidenreich als die vielleicht intelligenteste Frau der Republik bezeichnet wurde!


Silvia Bovenschen: Wer Weiß Was.
Eine deutliche Mordgeschichte
Fischer Verlag, Euro 19,95

Silvia Bovenschen / Wer weiß was

Fischer

19.95 €

Silvia Bovenschen Älter werden

Empfohlen von Wolfgang Grätz

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Jetzt auch als Taschenbuch erhältlich!

Als ich mein Germanistik-Studium in Frankfurt beendet hatte, nagte an mir Unbehagen über einen weißen Fleck: Über Goethes Faust hatte ich zwar mal als Gasthörer in Berlin Eindrückliches erfahren, jedoch es fehlte am Grundsätzlichen. So schlich ich mich als Examinierter unangemeldet in ein Seminar, um diese Lücke zu füllen. Es wurde von zwei Dozenten geleitet, Bohn (männl.) und Bovenschen (weibl.). Es war wunderbar, und doch haderte ich: warum entdecke ich diese wunderbar unprätentiöse kluge Frau erst jetzt, wo mein Studium vorbei ist!

Knapp 30 Jahre später: ein Herr, noch älter als ich, betritt die Buchhandlung und fragt, ob wir das Buch „Älter werden“ von Silvia Bovenschen haben. Hatten wir noch nicht, aber tags drauf, und ich freute mich, „meiner“ unvergessenen Dozentin wieder zu begegnen.

Kein Essay, sondern eine Aneinanderreihung von Miniaturen, Erlebnissen, Fragestellungen („Seit wann und warum heißt es eigentlich nicht mehr Mannequin, sondern Model?“). Mit feinen kleinen Überschriften. Mit vielem aus der eigenen Kindheit, an das auch mich dann wieder erinnere. Begegnung mit einem Leben, das von einer fortschreitenden MS-Erkrankung behindert wird, und dennoch so mutig, so neugierig und so beherzt gelebt wird, ohne dieses auftrumpfende „Und dennoch“.

Und das Buch ist geprägt von einem nüchternen, klugen Urteil, einem Konsens, von dem man eigentlich meint, die ganze Gesellschaft müsse ihn teilen. Klar und unprätentiös. Ein Satz über die RAF-Gründer, denen sie in Frankfurt persönlich begegnete: „Ich mochte diese Bande nicht: Ihr Anführer, ein brutaler Kerl, der auch unter anderen Bedingungen ein Verbrecher geworden wäre, seine enge Gefährtin: eine hysterische Protestantin...“ Wenn das damals schon mehr Menschen so klar gesehen hätten?

Mein Urteil: das gleiche, das Buchpreis-2006-Trägerin Katharina Hacker in ihrer Danksagung als Empfehlung gab: Unbedingt dieses Buch lesen! Es ist so schön, dieser Grundhaltung und diesem Leben zu begegnen.


Älter werden
von Silvia Bovenschen
S.Fischer Verlag, 2006, Euro 17,90

Fischer Taschenbuch, Euro 8,95

Silvia Bovenschen / Älter werden

S.Fischer Verlag

17.90 €