Der Blog

Für den LiBeraturpreis nominiert:

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
21. Mai 2018

Nuphar jobbt als Eisverkäuferin. Sie ist ein bißchen unscheinbar und leidet darunter. Und an diesem hat sie sowieso keinen guten Tag. Ihre Freunde ziehen vorbei, kaufen ein Eis, machen Bemerkungen, und sie fühlt sich alles andere als gut.

Kurz darauf kommt es zu einem Zwischenfall mit einem Kunden im Hinterhof der Eisdiele. Das sieht aus wie eine fiese sexuelle Belästigung und dieser Kunde ist nicht irgendwer, sondern ein früherer Schlagerstar, dessen Sterne inzwischen am erlöschen sind.

Die Presse stürzt sich auf diesen Vorfall, eine ehrgeizige Redakteurin mit Problemen ist nämlich zufällig zur Stelle. Ein Wort gibt das andere, eigentlich ist alles nur ein Missverständnis – doch hallo, wen schert das denn?

Vielleicht den sensiblen Lavie aus dem vierten Stock über der Eisdiele. Das mit Nuphar und ihm könnte was werden. Nur… es ist alles kompliziert.


Ayelet Gundar-Goshen hat mit „Lügnerin“ einen großartigen, komplexen und sehr gut lesbaren Roman darüber geschrieben, wie es sich auf dem schmalen Grat zwischen Lüge, Fake News, Skandalgier auf der einen und Wahrheit, Zartheit und so was wie Liebe auf der anderen Seite weiter geht.


Wie schon in „Löwen wecken“ und „Eine Nacht, Markowitz“ erweist die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen sich als großartige Erzählerin ebenso unterhaltsamer und spannender wie tiefsinniger und psychologisch wie literarisch raffinierter Geschichten. Ganz große Klasse!


Ayelet Gundar-Goshen:
Lügnerin
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
Verlag Kein & Aber, 2017, Euro 24,00

(Oliver Fründt)

Hier finden Sie mehr über die für den LiBeraturpreis nominierten Autorinnen und ihre Bücher!

Für den LIBeraturpreis nominiert:

Shenaz Patel mit Die Stille von Chagos
17. Mai 2018


(Wir machen eine kleine Pause von dieser Indiebook-Herausforderung und schauen stattdessen auf die, jedenfalls einige der Bücher, die für den LiBeraturpreis 2018 nominiert sind. Die sind überwiegend auch in kleinen, unabhängigen Verlagen erschienen. Insofern passt das sowieso gut zusammen!)


Der Archipel von Chagos liegt mitten im Indischen Ozean. Diese Inselgruppe gehörte zu Mauritius, das ihn mit der Unabhängigkeit an Großbritannien abtrat, das die Inseln wiederum an die USA verpachtet, die dort einen ihrer wichtigsten Militärstützpunkte errichtet haben.

Die Bewohner von Chagos wurden dafür anfangs der 1970er Jahre in einer Überrumpelungsaktion aus ihrer Heimat deportiert. Nach Mauritius und auf die Seychellen umgesiedelt, wo sie als ungebetene Gäste bis heute ungern gesehen werden.


Die mauritianische Schriftstellerin Shenaz Pantel erzählt in „Die Stille von Chagos“ auf literarisch raffinierte Weise davon, wie diese Situation sich in den Menschen auswirkt. Was es mit ihnen macht, in den Erinnerungen an ein freies und selbstbestimmtes Leben mit Perspektiven zu leben. „Die Erinnerung ist wie ein Angelhaken“, heißt es dazu.

„Die Stille von Chagos“ überzeugt durch die Bilder, die lakonisch präzise Sprache und die wechselnden Perspektiven. Da kann sich am Ende (ein wenig überraschend) sogar das Schiff zu Wort melden, auf dem Chagossianer im Frachtraum eingezwängt aus ihrer Heimat fortgeschafft wurden. Selbst das ist eine glaubwürdige Stimme in diesem Reigen.

Hauptfigur ist ein junger Mann namens Désirè, der während dieser Überfahrt auf dem Schiff geboren wurde. Er versucht, irgendwie eine Arbeit zu finden, und scheitert dabei schon daran, dass er keinen Pass bekommt. Das Leben auf Chagos kennt er nur aus den Erzählungen seiner Mutter, die ihn ebenso prägen, wie er sie zugleich hinterfragt: „Ist es wirklich so schön dort? Wirklich?“


Ein toller, sehr dichter, gut zu lesender kleiner Roman!
Shenaz Patel: Die Stille von Chagos
Aus dem Französischen von Eva Scharenberg
Weidle Verlag, 2017
Euro 18.00

(Oliver Fründt)

Hier können Sie Die Stille von Chagos bestellen

und hier geht es zu den LiBeraturpreis-Kandidatinnen!

47 Wochen, 47 Bücher

und 14 Buchstaben im Titel
4. Mai 2018

Diese Indiebookherausforderung hat manchmal lustige Idee. Ein Buch mit 14 Buchstaben im Titel ist von Helen Simpson: Nächste Station.

Das sind neun erstklassige Erzählungen über Menschen mittleren Alters – in die Jahre gekommen also, das sozusagen richtige Alter winkt da schon aus nicht allzu großer Ferne…

Helen Simpson ist mir vor Jahren schon einmal mit dem tollen Band „Gleich Schätzchen“ aufgefallen. Da ging es um überwiegend um Frauen, die gerade versuchten, Kinder, Ehe und ihre Jobs unter einen Hut zu bringen. In „Nächste Station“ sind sie sozusagen einen Schritt weiter: der Alltag macht zu schaffen, die Routine hat sich längst breit gemacht und wird allenfalls ab und an unterbrochen, die Kinder sind groß, aber kosten weiterhin – Geld, Nerven, Zeit.

Nicht nur die eigenen Kinder. Auch der Sohn des Kollegen, den einer zur Aufnahme eines Jurastudiums bewegen soll – obwohl er selbst nicht mehr so richtig von seinem Job überzeugt ist.
Oder die Tochter bekommt einen Geburtstagskuchen gebacken; beim Backen denkt die Mutter nach, erinnert sich und formuliert innerlich gute, wirklich gute Ratschläge für ihr großes Kind. Oder auch, was man in einem Literaturzirkel so von den anderen hört – auch wenn es gerade nur um Dickens‘ „Silvesterglocken“ geht.

Klasse fand ich auch, wie ein nicht mehr so junges Paar nach Berlin fährt, um die Kulturreise, die eigentlich für die Eltern vorgesehen war, nicht verfallen zu lassen. Nun ziehen sie sich Wagners „Ring“ rein und entdecke neues aneinander.

Und die beiden Geschichten mit den Frauen, die einfach übers Leben reden. Einmal bei einer Akupunktur, die zur Entspannung verhilft, und einmal (darauf bezieht sich der Titel „Nächste Station“ wohl; der Originaltitel der Sammlung lautet „Cockfosters“, eine Station) auf einer S-Bahn-Fahrt in der London, einer verlorenen Brille hinterher… Das Gute daran, sagt die eine, ist, dass wir deshalb noch ein bisschen quatschen können.


Ich kann diese Kurzgeschichten von Helen Simpson wärmstens empfehlen: für die Lektüre zwischendurch, für ein paar Geschichten hintereinander an einem lauen Sommerabend… Sowieso, finde ich, werfen Stories, Erzählungen, Kurzgeschichten einfach noch mal einen anderen, häufig griffigeren Blick auf Leben und Welt als Romane das können. Und ähnlich wie die Geschichten von Jane Gardam in „Die Leute von Privilege Hill“ bietet Helen Simpson beste britische Erzählkunst an!

„Nächste Station“ ist übrigens in wunderschönes Leinen gebunden! Auch deswegen können wir dieses Buch hehrzlichst empfehlen.

Also: „Nächste Station: Lesesessel! Bitte Erzählungen lesen!“

Helen Simpson: Nächste Station
Erzählungen
aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger
Verlag Kein & Aber, 2018, Euro 20,00


Langsam wird es schwierig mit den Indiebookherausforderungsvorschlägen. Wenn Ihnen mal etwas zu so einem Buch einfällt, geben Sie uns bitte gerne Bescheid!


Oliver Fründt
(zwölf Buchstaben)

Hier kommt die Nächste Station von Helen Simpson, falls Sie sie bestellen wollen!

Und hier können Sie einen Blick auf die Vorschläge der Indiebookherausforderung werfen.